Mit 40
Warum das einen Unterschied macht und überhaupt erwähnenswert ist, wenn man mit 40 online dated. Ist das Alter nicht egal?
Gerade läuft Age of Attraction, eine Dating-Serie auf Netflix, in der es um teilweise große Altersunterschiede geht im Kennenlernen und Sich-Verlieben - und um die Frage, ob Alter überhaupt eine Rolle spiel in romantischen Beziehungen.
Sienna Miller (44) hat einen 14 Jahre jüngeren Freund, Jeanette Biedermann ist mit 46 Jahren das erste Mal schwanger.
Spielt Alter wirklich eine Rolle?
Und vor allem, auf mich bezogen: Was ist das Besondere an Online-Dating mit 40?
Hier sind verschiedene Situationen meines Lebens:
Vor ca. einem Jahr meinte eine Freundin zu mir: “Bewirb dich doch bei Love is blind Germany.” Ich meinte, die nehmen niemanden über 40. Sie schaute sofort nach und meinte: Doch, schau mal, bis 45.
Ich schaue regelmäßig Love is blind und konnte mich nicht erinnern, eine Teilnehmerin über 40 je gesehen zu haben - einen Mann über 40, ja. Aber auch nicht oft.
Das hat für mich eine Erklärung, zu der man schnell kommt, wenn man die Serie schaut:
Ich habe HIER darüber geschrieben, wie wichtig bei Love is blind das Thema “Kinder bekommen” ist. Und da ist dann die Begründung sehr naheliegend, dass man als Frau mit Anfang 40 da irgendwie nicht genommen wird.
Ich fühlte mich dennoch sehr hingezogen, es zu probieren. Ich hatte einfach große Lust darauf und dachte: Es wäre richtig nice, in der Serie zu sein und das Experiment mitzumachen - sich in jemanden verlieben, den man nicht sieht.
Allerdings sprechen die Teilnehmenden in den Pods (der Kennenlern-Phase, in der sie sich nicht sehen) über ihr Alter - im Gegensatz zu Details über das Aussehen, die aus offensichtlichen Gründen nicht besprochen werden dürfen.
Und so ist die Liebe doch nicht SO blind - wenn es ums Alter geht. Ich habe schon in mehreren Staffeln gehört, dass jemand sagt: “Ich finde sie toll, aber sie ist 4 Jahre älter als ich…” Das Alter der anderen Person wird also schon thematisiert.
Ich hatte aber auch Lust auf die Bewerbung, weil ich mich in einer Rolle der Normalisierung sehe. Ich möchte das normaler machen - Dating mit 40 zu thematisieren. Deswegen schreibe ich auch diese Serie hier auf Substack.
Ich habe das alles in meine Bewerbung gepackt für Love is blind. Bin so weit gegangen, dass ich ein Video mit all den Infos zu mir gedreht habe, als würde ich mich für einen neuen Job bewerben. Ich dachte, wenn ich es Fun mache, viele Fakten über mich liefere…
Ein paar Monate später habe ich die Absage bekommen. Und natürlich könnte es an allem liegen - aber irgendwie werde ich den Gedanken nicht los: Es liegt auch an meinem Alter. Oder anders: Wenn ich jünger wäre, hätte ich bessere Chancen.
Eine andere Geschichte:
Ich habe eine Freundin, sie ist nur zwei Jahre älter als ich. Sie sagt, sie ist immer wieder überrascht, dass wir fast im gleichen Alter sind. Ich bin es auch.
Wenn ich spreche, sagt sie oft: Ob ich ihr das übersetzen kann. Sie lacht dann. Sie sagt, ich benutze zu viel Englisch, sie würde nicht wissen, was ich meine.
Meine Kleidung findet sie “ausgefallen” und meine vielen Reisen und mein Unterwegs-Sein “ermüdend” (exhausting, würde ich sagen).
Letztens meinte sie, dass sie so gerne meine Artikel liest (hi!), weil ich so “erfrischend” sei.
Ich schätze sie sehr - aber sie als Mann ist mein Dating-Albtraum. (Und ich wäre ihrer.)
Wir sind einfach so unterschiedlich - wenn man uns nebeneinander stellt oder wir zusammen was trinken gehen, sind einfach zwei verschiedene Welten nebeneinander, die sich kurz überlappen.
Niemand von uns beiden hat das Recht für sein Alter oder seine Generation oder oder zu sprechen. Wenn man uns aber nach unserem Alter beurteilt, ist es verwirrend, uns in eine “Kategorie” zu packen.
Ist Alter nur eine Zahl?
Mit Sicherheit nicht in der Medizin und wie die Gesellschaft über die Gesundheit von Frauen mit über 40 spricht. Ich wurde noch nie so wenig ernst genommen, sei es bei Ärzte*innen, aber auch abends beim Essen mit Freundinnen, wenn ich von meiner Gesundheit erzähle. Neuerdings sind alle meine gesundheitlichen Probleme Peri-Menopause. Egal, was es ist.
Schwindel, Schulterschmerzen, Müdigkeit…
DAS finde ich wirklich "exhausting” - und ja, toll, dass man Peri-Menopause und Menopause insgesamt ernster nimmt. Aber alles in eine Kategorie zu packen…
Im Januar war mir schwindelig, ich habe gemerkt, dass etwas wirklich nicht in Ordnung war. Wie viele mir das Wort Peri-Menopause entgegengeworfen haben, bevor ich überhaupt einen Termin in einer Praxis machen konnte…
Es war dann Vitamin D-Mangel, das hatte meine Frauenärztin bei einer Blutuntersuchung gesehen.
Es ist nur EIN Beispiel, aber es zeigt, dass Alter eben keine bloße Zahl ist, vor allem nicht, wenn du Teil dieser Gesellschaft bist, im Alltag, im Zusammenspiel mit anderen Themen.
Da, wo sich alles überlappt: Alltag, Freundschaften, Gesundheit & Dating.
Die Themen befinden sich nicht isoliert.
Ich muss zum Abschluss noch über Kinder schreiben - obwohl dieses Thema einen eigenen Substack verdient und auch bekommt.
Bisher habe ich oft gesagt: Ich weiß nicht, ob ich Kinder haben möchte. Wenn es passt, dann ja. Die Antwort wurde sehr oft akzeptiert, nur selten hinterfragt.
Seit ich 40 bin aber geht diese Antwort nicht mehr. Denn entweder “hätte ich schon Kinder haben müssen” - so nach dem Motto: Wenn du wirklich Kinder haben wolltest, dann hättest du schon welche.
Oder ich sollte “der Wahrheit ins Auge sehen” - dass ich einfach nie Kinder haben wollte.
Meine Vergangenheit und meine Entscheidungen in Sachen Kinder werden rückwirkend unter die Lupe genommen und hinterfragt.
Es ist irgendwie nicht ok als Frau über 40, dass es einfach sich bis jetzt so ergeben hat. Man unsicher ist.
Und wenn ich beim Online-Dating Männer ausschließe, die bereits Kinder haben, dann sagen viele meiner Freundinnen, dass sie das nicht machen würden. Wer würde denn dann übrig bleiben?
Es sei ja schon normal, dass Männer “in meinem Alter” Kinder hätten. Obwohl die Statistiken dagegen sprechen, ein Viertel aller Männer in meinem Alter keine Kinder hat.
Als wäre es völlig absurd jemanden zu treffen, der genau so ist wie ich.
Ich weiß, dass das nicht absurd ist. Dennoch ist es in meiner normalen Welt oft ein Struggle, gegen all die Glaubens-Systeme anzureden. Gerade weil mein ganzes Leben sich ja nicht um Online Daten dreht.
Online Daten sollte mal Fun sein- wie so ein Hobby hatte ich mir das vorgestellt. Und konfrontiert werde ich seitdem mit all den Themen, die ich hier beschrieben habe, alles auf einmal.
Deswegen macht es einen Unterschied, wie alt man ist. Und was wirklich ermüdend ist, ist nicht mein Alter, sondern das ständige Reden und Normalisieren all dieser Themen - zu denen jede Person eine Meinung hat und denkt sie laut sagen zu können.
Diese Kakophonie ist schrill und unbefriedigend. Und fühlt sich eben nicht an nach: Alles ist möglich. Und so geht ganz schön viel meiner Zeit drauf mit Gegensteuern, Gegenlesen, Gegenhalten.
Ich hoffe und sehe, dass mehr möglich wird, dass ein Shift tatsächlich stattfindet. Es fühlt sich nur so an, als wäre ich ein bisschen zu früh.

